Provenienzforschung

Provenienzrecherchen am Museum der bildenden Künste Leipzig

Im Mittelpunkt der Provenienzrecherchen stand eine Gruppe von "verdächtigen" Erwerbungen niederländischer Gemälde aus der "Sammlung Kummerlé", deren Provenienzen und Erwerbungskontext für den  Bestandskatalog Niederländische Malerei 1430–1800 im Museum der bildenden Künste (erschienen 2012) aufgearbeitet wurden.

Einen bedeutenden Teil dieser Gemälde akquirierte Alfred Kummerlé (1887–1949), Industrieller und Kunstammler in Brandenburg/Havel, zwischen 1940 und 1945 in den besetzten Niederlanden insbesondere über die durch Hermann Göring "arisierte" Firma Kunsthandel voorheen J. Goudstikker in Amsterdam.

Darüber hinaus wurden zwei weitere Komplexe (26 Gemälde, 13 Plastiken) von möglicherweise fragwürdigen Erwerbungen aus dem Bereich Malerei und Plastik zwischen 1935 und 1945 untersucht.

Das Ziel war die wissenschaftliche Bearbeitung von insgesamt 71 Objekten bezüglich ihrer Provenienz unter Einbeziehung und Auswertung von Fachliteratur, Datenbanken und Archivmaterial. Dies beinhaltete vorrangig die Identifizierung möglicher restitutionspflichtiger Objekte sowie positive Hinweise über jüdische bzw. nicht-jüdische Herkunft, ferner die Identifizierung von Alteigentümern bzw. die Suche nach möglichen Erben.

Versteigerung Sammlung Viktor Bloch Wien Hans W. Lange Berlin 1938
Annonce des Auktionshauses Hans W. Lange, Berlin 1938 (Versteigerung der Sammlung Dr. Viktor Bloch, Wien)

Vor allem hat die Erforschung der "Sammlung Kummerlé" schließlich zu konkreten Rechercheergebnissen und daraus resultierenden Restitutionen geführt. Im Nachgang der Untersuchungen wurden am 4. März und 27. November 2012 insgesamt 11 holländische Gemälde des 17. Jahrhunderts aus diesem Sammlungskomplex an den niederländischen Staat restituiert (Pressemitteilung des Auswärtigen Amtes vom 03.03.2012). Ein weiteres Gemälde aus der Wiener Sammlung des jüdischen Bankiers Dr. Viktor Bloch (1883–1968) wurde 2013 an den österreichischen Staat restituiert.


Provenienzrecherchen zur Sammlung Dr. Adolf List in Magdeburg

Laufzeit: 08/2013 – 11/2014

Projektförderung: Deutsches Zentrum Kulturgutverluste

Das Ziel des Forschungsprojektes war die Aufarbeitung der Kunstsammlung des jüdischen Industriellen Dr. Adolf List (1861–1938) in Magdeburg, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den bedeutendsten deutschen Privatsammlungen auf dem Gebiet des Kunstgewerbes gehörte. Die aus über 3.000 Einzelstücke bestehende List-Sammlung umfasste in der Mehrheit europäisches Kunstgewerbe aus dem 13. bis zum 18. Jahrhundert: Möbel, Zinngerät, Bronzen, Silber, Gold, Glas, Schnitzarbieten aus Elfenbein und Buchsholz, Miniaturen, Emailarbeiten, Schmuck und Uhren, Stickereien, Bildteppiche, Steinzeug, italienische Majoliken, Delfter Fayencen, Porzellan, Zinn, kirchliches Metallgerät und Varia, aber auch Gemälde, vornehmlich aus dem 19. Jahrhundert, sowie Skulpturen, Ton- und Glasgefäße und Schmuckstücke der klassischen Antike.

Auf welchem Weg List seine Sammlung über die Jahrzehnte zusammentrug, d. h. in welchen Auktionen und zu welchen Preisen er Kunstwerke erwarb und wer ihm als Kunstagent beratend zur Seite stand, ist weitgehend unerforscht. Bekannt ist nur, dass die Ursprünge der List-Sammlung bis in das letzte Viertel des 19. Jahrhunderts zurückreichen. Als maßgebendes Vorbild für die Sammlung – wie auch für zahlreiche andere derartige Kollektionen um 1900 – diente die seinerzeit berühmte Pariser Kunstgewerbesammlung des österreichischen Kunsthändlers Frédéric Spitzer (1815–1890). Nachdem die Spitzer-Sammlung 1893 versteigert wurde, fanden einige Stücke daraus nachweislich den Weg von Paris nach Magdeburg in Lists Sammlung, darunter eine aus der Zeit um 1400 stammende Elfenbeingruppe "Christus wird von zwei bewaffneten Schergen geführt" (Auktionskatalog Sammlung List, 1939, Kat.-Nr. 178). List führte nachweislich sogar eine eigene "Kartothek", jedoch ausschließlich für seine Porzellansammlung, die genaue Aufzeichnungen über den Zeitpunkt des Erwerbs und zur Herkunft eines jeden Stückes beinhaltete.

Die mit etwa einer Million Reichsmark bewertete Sammlung wurde nach dem Tod Adolf Lists durch das Berliner Auktionshaus Hans W. Lange, auf zwei Auktionen verteilt, versteigert. In der Auktion im März 1939 wurden 973 Positionen mit ca. 2.000 Einzelobjekten aufgerufen. Das Angebot der zweiten Auktion (1940) umfasste weitere 569 Positionen mit ungefähr 1.000 Einzelstücken.

In der Sammlung des Focke Museums – Bremer Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte befinden sich heute vier Objekte, die in der Auktion der List-Sammlung 1939 für das Focke Museum erworben wurden. Es handelt sich dabei um zwei Steinkrüge aus dem 16. und 17. Jahrhundert sowie zwei Stücke aus Böttgersteinzeug. Diese Objekte wurden durch das Focke Museum in der Lost Art Internet-Datenbank, Rubrik "Fundmeldung" veröffentlicht.

Wegen ihrer jüdischen Abstammung wurden Adolph List und einzelne Mitglieder der Familie List nachweislich Opfer von NS-Unrecht. Adolph List starb bereits im Jahr 1938, seine Sammlung erbte daraufhin seine nicht-jüdische Ehefrau, die die Kunstsammlung schließlich 1939/40 versteigern ließ.

Aufgrund der lückenhaften und teilweise widersprüchlichen Forschungslage sowie der unklaren Verkaufsumstände lag zunächst die Vermutung eines NS-verfolgungsbedingten Zwangsverkaufs der List-Sammlung nahe.

Annonce Versteigerung Hans W. Lange Berlin 1939 Sammlung Adolf List Magdeburg
Annonce des Auktionshauses Hans W. Lange, Berlin 1939 (Versteigerung der Sammlung Dr. Adolf List, Magdeburg)

Gemäß den "Grundsätzen der Washingtoner Konferenz in Bezug auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden" vom 3. Dezember 1998 und der "Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz" vom Dezember 1999, galt es im Rahmen der Provenienzrecherchen die genauen Lebens- und Vermögensverhältnisse der Familie List zum Zeitpunkt der Auktion aufzuklären, d. h. inwiefern es einen Zugriff auf das Vermögen der Familie List durch das NS-Regime gab und welche Maßnahmen gegen die Familie unternommen wurden, die möglicherweise einen Verkauf der Kunstsammlung erzwungen haben könnten (Zwangsversteigerung).

Außerdem wurde geprüft, ob gegebenenfalls ein Verschleuderungsschaden eingetreten ist, also die Höhe der Versteigerungspreise unangemessen war, da nicht selten der Fall eintrat, dass Interessenten bei den damals so bezeichneten "Judenauktionen" die Gelegenheit nutzten, um Kunstwerke zu verschwindend geringen Preisen zu erwerben.

Alle Ergebnisse des Forschungsprojektes wurden in einem detaillierten Bericht erfasst und beschrieben, der dem Deutsche Zentrum Kulturgutverluste (DZK) in Magdeburg vorliegt.

Eine zusammenfassende Darstellung über die Recherchen zur Sammlung List ist im Herbst 2019 als Artikel in der Schriftenreihe Provenire des DZK erschienen.